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Mailandreise

Der Kiezchor beim Tag der Befreiung in Mailand

Wenn ein Protestchor auf Reisen geht, ist das eigentlich wie auf einer Klassenreise. Eigentlich! Alle waren aufgeregt und hatten Angst, den Zug am Sonntag, 23. April 2023, früh um 6:29 Uhr am Berliner Hauptbahnhof zu verpassen. Nur manche kamen ausgeschlafen, manche direkt von einer Hochzeit und tatsächlich auch rennend von einer Party grad so in den Zug. Als Belohnung für alle gab es einen krass roten Sonnenaufgang passend zur Intention der Reise. (…)

Was dann? Erst aufgeregtes Schnattern, kollektives Schlafen, wieder wach mit Kaffee in München, mit dem ÖBB durch die Alpen über den Brenner bis nach Verona, neue Klimazone, Sandalen raus, Zeit für einen Aperol Spritz, letzte Etappe im überfüllten Regio bis nach Milano Stazione Centrale. Nebenwirkungen: erste Reisekrankheiten und Applaus für unsere Gesangseinlagen im Zugabteil.

Endlich angekommen, freudiges Zusammentreffen mit vorgereisten Chormitgliedern, mitreisenden Freund:innen und empfangenden Gastgeber:innen der beiden Mailänder Chöre. Klar, dass wir dem monumentalen faschistischen Bahnhofsgebäude etwas Passendes entgegensetzten und unser Widerstandslied anstimmten.

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Zwei gemeinsame Tage in Mailand lagen vor uns. Wir trafen uns am Nachmittag des 24. April zur Chorprobe im Park am Castello Sforzesco und wärmten unsere Stimmen für den abendlichen Auftritt auf – unter den neugierigen Blicken der Passanten.

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Der Höhepunkt des ersten Tages war das Zusammentreffen im soziokulturellen Zentrum La Scighera, wo wir uns mit beiden Mailändischen Chören unsere verschiedenen widerständigen Lieder aus alten und neuen Zeiten beibrachten.

Jeder Chor brachte den anderen Chören ein Lied in einer gemeinsamen Probe bei. Wir sangen so unser Widerstandslied gemeinsam mit den zwei Chören.

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Im Rahmen einer nun öffentlichen Veranstaltung im gefüllten Saal haben wir im Anschluss Auszüge aus unserer Oper auf die Bühne gebracht – und uns damit mit den Kämpfen der Menschen gegen Gentrifizierung in Mailand verbunden.

Das aber wirklich Verbindende begann erst danach, als der mit bis zu 200 Menschen volle Saal – jung, alt, Mitglieder der drei Chöre, Freundinnen und Freunde, Nachbar:innen, Genoss:innen – ein nicht enden wollendes Repertoire an Partisan:innen-Liedern anstimmte. Ob „siamo i rebelli della montagna“ oder „delle belle buone lingue“ jeder Zungenbrecher ging uns leichtens von den Lippen bis in die späte Nacht.

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Am Morgen des 25. April, dem Tag der Befreiung, teilten wir uns auf zwei Kiezspaziergänge – Partigani in ogni Quartiere – auf. Sie werden jeweils traditionell von den italienischen Chören veranstaltet und dieses Jahr zusätzlich von uns musikalisch verstärkt. Der Spaziergang führte uns zu all den Häusern, in denen Partisan:innen gelebt hatten, die in den Jahren 1943 – 1945 deportiert und in Konzentrationslagern ermordet wurden. Ihnen wurde bei jedem einzelnen Halt mit einem eigenen Lied und einem geschmückten Lorbeerkranz gedacht. In diesen Momenten waren wir sehr bewegt, Teil dieses Gedenkens sein zu dürfen. In einem der beiden Quartiere sangen wir zum Abschluss am zentralen Gedenkort mit allen Anwesenden die Internationale in italienisch.

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Bevor es am Nachmittag zur großen Parade ging, wurden wir noch im Anschluss an den einen Spaziergang zum Aperitivo in das dortige Stadtteilzentrum der Nationalen Vereinigung der Partisan:innen Italiens (Associazione Nazionale Partigiani d’Italia /A.N.P.I.) in einem ruhigen Hinterhof eingeladen. Die Zentren sind wichtige Treffpunkte, an denen politische Veranstaltungen und Bildungsangebote organisiert werden.

An vielen Orten in Italien finden am 25. April zur Befreiung vom Faschismus Demonstrationen statt, die größte jedoch schon immer in Mailand. Als Zeichen gegen die neue rechte Regierung nahmen in diesem Jahr über 80.000 Menschen daran teil.

Eine Station war der Ort, an dem wir alle wieder zusammen mit dem Voci di Mezzo Chor – inzwischen gut geübt – die allseits bekannten Partisan:innen-Lieder sangen. Immer wieder schlossen sich vorbeiziehende Demonstrant:innen unserem Gesang an.

Doch damit nicht genug der Sangeslust: zum Abschluss begleiteten wir den Micene Chor noch in der Vittorio Emanuele II. Galerie.

Umgeben von weiteren Chören und Passant:innen endeten wir mit einem besonderen Lied des Chores, dem am Vortag gemeinsam geübten A milioni di passi (Text: Erri de Luca, Musik: Andrea Fantasia ).

Video von Freundeskreis Videoclips, am 24.4. im La Scighera

Keine Klassenfahrt ohne Abschlussdinner, kein Italien ohne Pizza.

Ora Resistenza – Siempre Resistenza!

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